Kontroverse um den Digital Independence Day

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04.01.2026

Es ist schon wieder eine Weile her, dass ich hier einen Kommentar geäußert habe, aber ich fühlte, dass es wieder an der Zeit wäre. Der 39C3 ist zu Ende. Eines der Dinge, die in den (sozialen) Mediean großes Echo finden und fanden ist der sogenannte Digital Independence Day.

Was mich dabei überrascht hat, war, dass diese Initiative - zumindest in meiner Echokammer - einen solchen Widerstand hervorgerufen hat. Manches dabei erinnert mich tatsächlich an die guten alten Zeiten der Social Justice Warriors.

Da wird als Grund dafür, dass der DID abgelehnt wird angegeben, dass sich bei dem Wording rundherum koloniale Konnotationen erkennen ließen.

Ich respektiere diese Meinung, aber ich lehne sie ab. Ich lehne nicht nur diese ab, sondern auch Leute, bzw. deren Meinung, die sich in marialischer Rhetorik ergehen, wenn davon geredet wird. Da kommen dann Begriffe wie "Generalangriff" und "Erstschlag" über die ich mich wirklich sehr wundern muss.

Aber wie gesagt, die Ablehnung wegen gefühlter Konnotationen geht mir zu weit und blockiert ein wichtiges und richtiges Ziel. Ich bin generell dagegen, wegen solcher Kleinigkeiten einen an sich guten Zweck zu blockieren. Ich möchte das an zwei Beispielen aus der Vergangenheit demonstrieren:

Die Bewegung "Black Lives Matter" wurde damals abgelehnt weil "All Lives Matter" - das war der Gegenslogan. Ich habe mich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung solidarisiert, da ich der Meinung war, dass die Bewegung ein Teil von All Lives Matter ist. Lasst uns damit anfangen, etwas zu tun. Wenn es nicht unmittelbar Dir selbst zugute kommt, dann wird es das in Zukunft: Wenn wir es geschafft haben, die Gewalt und alles andere unangenehme, das in der Bewegung bekämpft werden sollte zu reduzieren oder gar abzuschaffen, haben wir als Gesamtheit eine lebenswertere Gesellschaft und können uns dem nächsten Problem widmen.

Auch den Orange Day bzw. die Orange Weeks unterstützte ich. Auch hier wieder kamen Leute und mäkelten, dass es ja auch Gewalt gegen Männer gäbe und warum sich darum niemand kümmert. Auch in diesem Fall sag(t)e ich: Dann lasst uns jetzt etwas dafür tun, die Gewalt gegen Frauen zu reduzieren. Wenn wir das geschafft haben, können wir uns dem nächsten Problem zuwenden.

Wir können es uns schlicht nicht leisten, immer darauf zu warten, dass irgendjemand etwas gegen das - manchmal auch nur eingebildete - Unrecht tut, das uns selbst betrifft. Wir müssen einsehen, dass es immer jemanden geben wird, der unzufrieden damit ist, dass seine Belange nicht als erste behandelt werden.

Es ist aber keine Lösung, zu verlangen, dass meine Probleme zuerst gelöst werden. Lasst uns irgendein Problem lösen - dann haben wir die, die das Problem betraf als Unterstützer, wenn wir uns dem nächsten zuwenden, von dessen Lösung wir selbst profitieren. Wenn es noch nicht in der nächsten Runde so weit ist - irgendwann wird es so weit sein. Und bis dahin haben wir viele Unterstützer aufgesammelt, die unsere Solidarität nicht vergessen werden!"

Ich habe diese Opferolympiade so satt.

Auch mit dem Digital Independence Day ist es wieder so. Lasst uns wie geplant damit fortfahren. Es geht (aus meiner Sicht) nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen. Es geht auch nicht darum, Konzerne zu vernichten. Es geht darum - oder es sollte darum gehen - diejenigen, die zu den angebotenen Aktionen kommen weiterzubilden und ihnen zu zeigen, dass es Alternativen zu vielen der von den TechBros angebotenen Services gibt und wie diese aussehen. Daher finde auch ich den Namen unpassend. Aber viel wichtiger als über den Namen zu diskutieren finde ich es, die Bürger so zu informieren, dass man ihnen ihre digitale Unmündigkeit nimmt und ihnen die Optionen aufzeigt, die es gibt. Wir werden mit den Konzernen nicht konkurrieren können, was Marketing und Einfluss auf die Politik angeht. Aber wir können uns vernetzen, wir können unseren Mitmenschen zeigen, dass Alternativen existieren, dass sie bei Problemen nicht alleingelassen werden.

Das sollte das Ziel sein: Den mündigen digitalen Bürger zu schaffen - oder wenigstens damit zu beginnen. Und da ist mir verdammt nochmal egal, welcher Name oder Slogan darübersteht. Wir haben jetzt ein kleines Momentum geschaffen. Lasst es uns nicht durch dieses kleingeistige Gezänk sofort wieder zunichte machen!

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